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Letzte Änderung / Last update: 2024-Jun-12

Torschusstraining

Anregungen für die Trainer der Bundesliga-Fußballmannschaften


Liebe Trainer,

es gibt sie ja immer wieder zu beklagen: eine ausgeprägte Schussschwäche bei den Stürmern der Bundesliga-Fußballmannschaften. Daraufhin habe ich mal etwas in meinen Erinnerungen gekramt und aufgeschrieben, was hierbei evtl. helfen könnte. Falls das alles schon kalter Kaffee und altbekannt ist, dann Asche auf mein Haupt und Entschuldigung für Ihre Zeit.


Fußballstürmer-Training

Problem: Man sieht oft, dass Stürmer vor dem Tor scheinbar den Kopf verlieren und den Ball nur noch sinnfrei irgendwie in Richtung Tor spielen, meist direkt in die Arme des Torwarts, der dann ohne Aufwand klären kann. Alternativ geht der Ball weit über oder neben das Tor. Aktuelles (Nov. 2023), negatives Beispiel: die deutschen Nationalspieler. Wie gesagt, das geschieht unkontrolliert, in einer extremen Stresssituation, wie in einer blinden Panik. (Seit März 2024 nicht mehr so aktuell.)

Richtige Knipser erkennt man daran, dass sie in solchen Situationen eiskalt bleiben und weiter präzise erkennen können, wie sie den Ball am Torwart vorbeibringen können. So wie Alex Meier Fußballgott, Lewandowski, Harry Kane oder Muani. Diese Leute geraten vor dem Tor eben nicht in Panik, sondern können weiterhin klar denken, wissen weiterhin, wo das Tor steht, erkennen, wo der Torwart steht und wie man an ihm vorbeikommen kann, und sehen außerdem, wo Abwehrspieler im Weg stehen. Zuletzt können sie auch ihre Schussstärke dosieren, wo ein sanfter, umso kontrollierterer Chip oder Lupfer reicht oder wo man voll draufhalten muss.

Aufgabe: Die Spieler so trainieren, dass sie diese Situation genauso wie jene Knipser beherrschen. Sie sollten in die Lage versetzt werden, die Übersicht zu behalten. Das sollte möglich werden, indem diese ganze Situation intensiv und oft durchgespielt wird, so dass sich Routine einstellt. Danach kann der Spieler auf eingespielte Mechanismen zurückgreifen und die übrig gewordene Konzentration darauf verwenden, sich auf Details der aktuellen, konkreten Situation angemessen einzustellen. Dieses Durchspielen muss nicht unbedingt mit hohem Zeitaufwand auf dem Platz stattfinden, es hilft auch schon, wenn man es rein gedanklich, "mental", oft und oft durchgeht.

Lösung: Das Training sollte aus zwei Phasen bestehen:
    A) mentales Training,
    B) praktisches Training auf dem Platz.


A) Mentales Training

Vorgeschichte: Ich habe in den 1970er-Jahren an der TU Braunschweig studiert. Für Studierende und Mitarbeiter gab es ein relativ preiswertes Angebot für Tennis im Umfang von zwei Wochenstunden. Das zur TU gehörende Sportinstitut ("IfL" = Institut für Leibesübungen) organisierte alles. An diesem Sportinstitut arbeiteten auch die Theoretiker des Deutschen Tennisbundes. Sie hatten einige Jahre vorher unter anderem die gelben Tennis- und Tischtennisbälle eingeführt, deren Farbe für besseren Kontrast und damit bessere Sichtbarkeit sorgt. Ich hatte vorher ein paar Jahre Praxis in Tischtennis, allerdings ist das für Tennis nicht nur von Vorteil. Also war ich kompletter Laie im Tennis. Der Zufall wollte es, dass gerade in dem Jahr das Sportinstitut für uns Anfänger eine besondere Einführungsveranstaltung anbot: Einen Abend im Hörsaal mit theoretischer Einführung und mentalem Training, am folgenden Tag ein paar praktische Übungen auf dem Platz mit Mitarbeitern des Sportinstituts als Trainern. Diese Veranstaltung gab es nur in diesem einen Jahr, weder davor noch danach, ich hatte einfach Glück.

Das mentale Training fand in einem eher dunklen Hörsaal statt und bestand damals darin, dass ein Mitarbeiter die Grundschläge und Griffweisen in Zeitlupe vorführte, so dass man sie im Geiste nachvollziehen konnte. Anschließend wurden die Zuhörer aufgefordert, diese Elemente im Geiste bei geschlossenen Augen, aber noch ohne Schläger in der Hand nachzuvollziehen und allmählich von Zeitlupe auf echte Geschwindigkeit zu steigern. Das wurde mehrfach wiederholt, dazwischen machte der Trainer die Teilnehmer auf diverse Details oder häufige Fehler aufmerksam.

Das funktionierte überraschend gut: Am nächsten Tag bei der Praxis auf dem Platz konnte man die Bewegungen schon halbwegs koordiniert vollziehen. Es entstand der Eindruck, dass man sich jede Menge Anfangsschwierigkeiten erspart hatte.


Zum Fußball

Diese Methodik würde ich nun auf die Situation eines Stürmers vor dem Torschuss übertragen wollen.

Die Übungen sollten abends stattfinden, idealerweise als Letztes vor dem Schlafengehen. Jedenfalls sollte danach keine Aktion mit viel Gedankenarbeit unternommen werden. Die frisch eingeübten Vorgänge sollen Gelegenheit bekommen, sich über Nacht ins Langzeitgedächtnis einzuprägen.

Damit man sich besser innerlich auf bestimmte Situationen konzentrieren kann, sollte das Licht im Raum eventuell etwas gedimmt werden. Vielleicht kann man auch geeignete Bilder von typischen Strafraumsituationen projizieren.

Beim Fußball gibt es eine unendliche Anzahl von möglichen Spielsituationen, die man natürlich nicht alle behandeln kann. Man muss sich auf eine Reihe typischer und nach Erfahrung besonders oft ineffizient verlaufender Situationen beschränken. Als Nichttheoretiker im Fußball rate ich, dass man hier Folgendes anführen könnte, diese Liste ist natürlich beliebig anpassbar:

  • Stürmer läuft allein zentral oder von einer der Seiten auf das Tor zu.
  • Der Torwart kommt dabei dem Stürmer entgegen oder bleibt auf der Linie.
  • Ein Verteidiger ist im Wege oder läuft etwa gleichauf mit und versucht zu klären.
  • Der Stürmer ist im vollen Strafraum im Gewühl und bekommt zufällig den Ball.
Für alle diese Situationen muss der Stürmer eine Reihe Detailentscheidungen treffen:
  • Versucht er selber den Abschluss, oder sucht er nach einem Mitspieler, der eventuell noch besser steht?
  • Sieht es erfolgversprechend aus, den Torwart zu umspielen?
  • Wenn der Torwart weit genug aus dem Tor heraus gekommen ist, überlupft man ihn am besten?
  • Wenn man im Gewühle ist, kann man eventuell "über Bande" spielen und gezielt einen Mitspieler oder Gegner anschießen, so dass der Ball von ihm abprallt und ins Tor geht?
Alle diese Situationen sollten die Spieler im Geiste durchführen. So oft, dass ihre Reaktionen sich am Ende als instinktive Reflexe einprägen. Dann muss ein Spieler dann in der echten Situation eben nicht mehr lange überlegen, sondern kann nach diesen eingeübten Reflexen vorgehen.

Der Trainer wird aus diesen oder ähnlichen Situationen eine oder mehrere auswählen und den Teilnehmern erläutern. Er weist auf die grundsätzlichen Optionen hin (sowie auf jene, die man in diesen Fällen von vornherein außer Acht lassen kann) und empfiehlt eine bestimmte Reaktion, die man sich vorstellen und in Gedanken (ggf. bei geschlossenen Augen) in Zeitlupe und später wieder auf normale Geschwindigkeit gesteigert durchspielt. Das kann wiederholt werden, wobei der Trainer dann irgendwann auf andere Optionen oder Grundsituationen wechselt. Auf diese Weise sollen die Spieler mit der Zeit ein Reservoir an abrufbaren Reaktionen aufbauen, die sie später im Spiel abrufen und direkt umsetzen können.

Übrigens müssen ja nicht unbedingt nur etatmäßige Stürmer bei dieser Veranstaltung teilnehmen. Da das in einem einfachen Seminarraum ohne zusätzliche Ausstattung ablaufen kann, können ohne jeden Zusatzaufwand praktisch alle Feldspieler teilnehmen und so ihre Chance erhöhen, bei Gelegenheit auch selbst zum Vollstrecker zu werden.

Andererseits steht auch zu überlegen an, dass man bestimmte Spielertypen gerade von solchen Maßnahmen ausschließen sollte: Solche nämlich, die diese Coolness vor dem Tor schon verinnerlicht haben, wie z. B. die genannten Alex Meier von Eintracht Frankfurt oder Harry Kane von Bayern München. Die würden womöglich ihren besonderen Instinkt verlieren, der bei ihnen anscheinend im Unterbewusstsein verankert ist. Den könnten sie nämlich eventuell verlieren, wenn sie sich die Details zu sehr bewusst machen würden.

Wie oft sollte man sowas veranstalten? Einmal zu Beginn der Saison wäre wohl etwas wenig. Einmal in der Woche oder im Monat ist wohl realistischer. Man kann das Thema des mentalen Trainings ja auch von Mal zu Mal variieren und sich der aktuellen Situation der Mannschaft anpassen, was gerade an Details am behandlungsbedürftigsten ist. Und in der Wochenplanung sollte man unbedingt darauf achten, dass dieses mentale Training an einem Abend stattfindet, und die zugehörigen praktischen Übungen gleich als erstes am direkt folgenden Tag.


B) Praktische Übungen

Das muss natürlich auf dem Platz passieren. Das herkömmliche Torschusstraining, wo der Spieler ähnlich wie beim Elfmeter den Ball ins leere Tor oder auch das Tor mit reaktionsbereitem Torwart zu treffen versucht, ist weiterhin nützlich, da damit die grundsätzliche Treffsicherheit eingeübt wird.

Zusätzlich sollte man aber ein paar der oben genannten Situationen in größerem Detail durchspielen:

  • Stürmer läuft allein auf Torwart zu.
    Die Überschrift sagt schon fast alles: Der Stürmer nimmt den Ball an der Mittellinie oder weiter seitlich oder näher am Tor auf und läuft damit auf den Torwart zu. Der Trainer kann den Torwart anweisen (ohne dass der Stürmer das mitbekommt), auf der Linie zu bleiben oder heraus zu kommen. Der Stürmer muss dann lernen, wann es besser ist, den Ball zu lupfen ("Bogenlampe") oder zu versuchen, irgendwie am Torwart vorbei (z. B. halbhoch statt flach) einzunetzen oder den Torwart zu umspielen. (Ja, das läuft indirekt auch auf ein ausführliches Lauftraining hinaus.)
  • Wie vorher, nur bekommt der Stürmer den Ball aus unerwarteter Richtung.
    Hier soll es darum gehen, dass sich der Stürmer Reaktionsgeschwindigkeit antrainiert, wenn er überraschend den Ball in der Nähe des Tores bekommt (z. B. durch Fehlpass des Gegners) und diesen Vorteil ausnutzen soll. Dazu bekommt er irgendwo vor dem Strafraum im Stand eine sichtdichte Kapuze aufgesetzt. Z. B. eine Pyramide aus dichtem Stoff von 1 Meter Kantenlänge, es soll ja kein Ersticken riskiert werden. Der Trainer rollt oder passt den Ball dann zwischen Spieler und Strafraum, pfeift dann, und der Spieler darf sich dann die Kapuze herunterziehen und loslaufen. Dazu könnte man auch an der Kappe eine Kordel anbringen, die der Nächste in der Schlange hält, so dass der Spieler einfach nur loszulaufen braucht. Damit wird seine Reaktionsschnelligkeit gefordert und trainiert.
  • Wie vorher, nur kommt ein Verteidiger zusätzlich ins Spiel.
    Der Verteidiger startet je nach Anweisung des Trainers entweder in der Nähe des Torwarts oder hinter dem Stürmer und versucht dann, ihn einzuholen oder zumindest zu stören.
Weitere Situationen dieser Art wird ein Trainer leicht zusammenstellen und auch auf den jeweiligen Spieler individuell anpassen können.

Diese Übungsteile lassen sich nahtlos in das gängige praktische Training einbauen, ohne dass spezielle Termine nötig wären.

Literatur: SPIEGEL 47/2016, S. 108 "Spielend schnell"


Nachtrag: Ich selber könnte das alles nicht selbst durchführen, ich war damals nur Nutznießer dieser Aktion und fand sie wie gesagt sehr hilfreich. Ich habe auch danach nie wieder Kontakt zu den Fachleuten vom Sportinstitut gehabt. Heutzutage bin ich eher ein komplett sportabstinenter Nerd, aber eben auch einer dieser 80 Millionen Bundestrainer, die alles besser wissen.

Ich würde mich freuen, von Fachleuten zu hören, ob das Binsenweisheiten sind oder vielleicht real weiterhelfen.






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